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Gibt es das Gewissen noch?

Die großen Gewissenstäter der Geschichte erlebten das Gewissen als eine Instanz unbedingter Verpflichtung, der sie sich nicht entziehen konnten; daher waren sie bereit, um der Treue zu ihrem Gewissen willen den Verlust von Macht, Ansehen, äußeren Gütern und im äußersten Fall sogar den Tod auf sich zu nehmen. Im gegenwärtigen Sprachgebrauch und in der politischen Rhetorik spielt das Wort „Gewissen“ dagegen häufig eine andere Rolle. Die Berufung auf das eigene Gewissen erfüllt eher eine Legitimationsfunktion, als dass sie zur kritischen Selbstvergewisserung anleitet. Wer sich auf sein Gewissen beruft, der scheint dem Zwang zur Rechtfertigung seines Handelns nach verbindlichen Maßstäben von Gut und Böse enthoben. Während die philosophische und theologische Tradition die Hinordnung des Gewissens auf die praktische Vernunft hervorhob und in ihm eine verbindliche Instanz persönlicher Verantwortung sah, droht das Gewissen zu einer Entlastungsstrategie zu verkommen, die dem individuellen Selbstdispens von ethischen Ansprüchen dient. Demgegenüber soll aufgezeigt werden, worin die eigentliche Funktion des Gewissens besteht: im Ausmessen eines Bereichs persönlicher Verantwortung, den allgemeinen Normen nur begrenzen, aber nicht ausfüllen können. Die Gewissensbildung der Christen orientiert sich dabei an dem Liebesgebot Jesu, dessen Forderungen in der Goldenen Regel zusammengefasst und im Gleichnis vom barmherzlichen Samariter exemplarisch erkennbar sind. Das am Evangelium geschärfte Gewissen weist über den Anspruch hinaus, den allgemeine Normen an alle stellen und befreit den Einzelnen jenseits moralischer Beliebigkeit zu einem kreativen Handeln, das seine eigenen Möglichkeiten entdeckt. Ausgehend von der langen Tradition theologischer Gewissenslehre und dem Bekenntnis des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Würde des sittlichen Gewissens soll zugleich ein Weg aufgezeigt werden, wie die unhintergehbare Selbstbezüglichkeit und Freiheit des Gewissens mit seiner inneren Bindung an ihm vorgegebene Urteilsmaßstäbe der praktischen Vernunft zusammenzudenken ist.

16.45 - 17.15

Eberhard Schockenhoff

Eberhard Schockenhoff

 
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