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Psychotherapie als Religionsersatz

Gegenwärtig befinden sich Religion und Psychotherapie in einem beiderseits ernst genommenen Diskurs: offizielle Vertreter der großen Weltreligionen bedienen sich bewusst psychotherapeutischer Techniken und Einsichten; und Vertreter psychotherapeutischer Schulen beziehen zunehmend existentielle und spirituelle Themen in ihren psychotherapeutischen Behandlungsvertrag ein. An substanzieller Kritik dazu gilt, dass die Psychotherapie Gefahr laufe, zum Kult um das eigene Ich (P. Vitz), bzw. zur Selbst-Vergötterung (M. Utsch) zu werden, aber dort ihre professionelle Identität verliere. Ja, die ursprünglichen Fassungen der Psychoanalyse durch S. Freud, des Behaviorismus durch J. B. Watson, der Gesprächspsychotherapie durch C. Rogers, aber auch das Konzept der Familienaufstellung durch B. Hellinger sind heute relativ klar und verbindlich als Modelle, die einer Privatreligion gleichen, entschlüsselt. Dennoch findet sich empirisch belegt, dass für viele Personen weiterhin die Psychotherapie als Religionsersatz dient.

In Fortführung der kulturwissenschaftlichen Positionen von J. Habermas wird nun auch die Frage der kritischen Selbst-Begrenzung der Psychotherapie politisch breit diskutiert. Wie weit nun heilende Wirkprinzipien, die aus der Ehrfurcht vor dem Leben, aus dem Bekenntnis zu Schuld und aus der Kraft der Vergebung entspringen, an religiöse Liturgie gebunden oder im Sinne eines „philosophischen Glaubens“ (K. Jaspers) durch wissenschaftliche, vor allem phänomenologische Erkenntniswege, erzielbar sind, ist eine kulturbestimmende Frage.

15.00 - 15.30

Walter Pieringer

Walter Pieringer

 
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